Kategorie: Dies & das

Kunterbunte Sammlung von Themen, LInks und Ideen…

  • Alchemie – eine Annäherung

    Alchemie – das Wort klingt geheimnisvoll und verströmt mehr als einen Hauch von Mittelalter… Was genau aber verbirgt sich dahinter? Als alter Zweig der Naturphilosophie bezeichnet Alchemie ab dem 1./2. Jahrhundert die Lehre von den Eigenschaften der Stoffe und ihren Reaktionen.

     

    Blüte der arabischen Gelehrsamkeit

    Camille Flammarion, L’Atmosphère: Météorologie Populaire (Paris, 1888), pp. 163. (kolorierter Holzschnitt, Wikipedia commons)

    Im frühmittelalterlichen Europa waren etliche Künste wie etwa das Färben, die Malerei, die Glaserzeugung, das Goldschmieden und die Metallurgie bekannt. Ab dem 12. Jahrhundert wanderte dann aus der muslimischen Welt die Alchemie in das lateinische Abendland ein und löste einen wahren Boom aus. Sizilien und besonders Spanien wurden zu wichtigen Zentren der Verbreitung der arabischen Gelehrsamkeit.

    Das Wort selbst hat seinen Ursprung im Arabischen »al kimia«, welches seinerseits vermutlich auf das griechische chymia (Metallguss) oder chymos (Flüssigkeit) zurückzuführen ist. Im Kern geht es der Alchemie darum, flüchtige und unbeständige Materialien in beständige, wertvollere Substanzen zu verwandeln.

    Dieser äusserlich nachvollziehbaren Veredelung wurde in der Alchemie als mittelalterlicher Wissenschaft ein innerlicher Prozess der Läuterung und geistigen Erhöhung zur Seite gestellt. So wurden die Prozesse des Laboratoriums mit Übungen in religiöser Demut verknüpft und alchemistische Prozesse schlossen sowohl Gebete als auch die Kommunikation mit Engeln oder anderen himmlischen Wesen ein.

    Sagenhafter „Stein der Weisen“

    Ein unverständliche Worte murmelnder Mann mit langem Bart, der sich in einem höhlenartigen Labor über diverse Glaskolben beugt, in denen es geheimnisvoll blubbert… Diese Vorstellung hat unser Bild der Alchemie entscheidend geprägt.

    Tatsächlich war es ihr Anspruch, Ausgangsmetalle in kostbares Gold umwandeln und das menschliche Leben unbegrenzt verlängern zu können, der die Alchemie in Verruf brachte. Denn die Suche nach dem sogenannten „Stein der Weisen“ bot zahlreiche zwielichtige Gestalten mit nicht immer lauteren Absichten eine Plattform.

    Wie Hans-Werner Schütt in seiner „Geschichte der Alchemie“ festhält, war die die Alchemie aber auch im Mittelalter nur am Rande eine okkulte Welt. Mit der heutigen esoterischer Verbrämung hatte sie wenig bis gar nichts am Hut; die Alchemie war eine experimentelle Wissenschaft.

     

    Fortschritt und neue Erkenntnisse

    1085 schrieb der Alchemist Gerhard von Cremona in Toledo mit Das Buch der Alaune und Salze das erste Chemiebuch Europas und Roger Bacon (1210–1292) führte das Experiment als wichtigste Arbeitsmethode der Alchemie ein:

    „Sine experientia nihil sufficienter sciri potest“
    – ohne Experiment kann nichts ausreichend gewusst werden

    1669 entdeckte der deutsche Apotheker Hennig Brand auf der Suche nach dem Stein der Weisen beim Destillieren von Urin und Glühen des Rückstandes das chemische Element Phosphor. Rund 50 Jähre später (1808) gelang dem Alchemisten und Chemiker Johann Friedrich Böttger zusammen mit Ehrenfried Walther von Tschirnhaus die Entdeckung des (europäischen) Porzellans.

    Wohl beruhte die Alchemie auf den Denkprinzipien der antiken Metaphysik, die uns heute sehr verworren erscheinen mögen, doch aus ihr gingen im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts die moderne Chemie und die Pharmakologie hervor. Befeuert von der Aufklärung und ihrem Interesse an kausalen Zusammenhängen verlagerte sich dabei der Blickwinkel vom experimentellen „Was passiert?“auf die Frage „Wie passiert es?“.

    Paracelsus – Rebell & Vater der medizinischen Alchemie

    Paracelsus. Bildnachweis: A.H. [Public domain], via Wikimedia Commons
    Zur Blütezeit der Alchemie im Spätmittelalter und der Renaissance lebte und wirkte auch der in Einsiedeln geborene Arzt Paracelsus (1493-1541).

    Paracelsus grenzte scharf ab zwischen der „alchemia transmutatoria“ und der „alchemia medica“. Er sah die Aufgabe der Alchemie nicht in der Herstellung von Gold, sondern in der Herstellung von Arzneimitteln. Entsprechend nimmt in seinem Werk die „ars spagyrica“ oder Scheidekunst, mit deren Hilfe eine Quintessenz zu isolieren sei, eine zentrale Stellung ein (dazu nachstehend mehr).

    Eine neue Medizin

    Nichts weniger als das schwebte Paracelsus vor. Er trachtete danach, akademisches Wissen mit praxisbezogenen Erfahrungen sowie den althergebrachten Hausmitteln des Landvolkes zu verknüpfen. Wegen dieses unkonventionellen Vorhabens schlug Paracelsus vielerorts ein eisiger Wind entgegen…

    1527 wurde Paracelsus als Stadtarzt & Dozent der Medizin nach Basel berufen. Als erster Hochschullehrer überhaupt hielt er dort auch Vorlesungen in deutscher Sprache. Wegen seiner polemische Verdammung der überkommenen medizinischen Autoritäten (bis hin zur Bücherverbrennung!) und seiner „Neuen Medizin“ musste er nach knapp einem Jahr aus Basel flüchten.

    Was kaum überrascht, denn unbekümmert hatte Paracelsus mit seinen Thesen so ziemlich allen Kollegen in den Brei gespuckt: Die Ärzte waren damals Akademiker, die selten am Krankenbett standen, während die Bader d.h. Chirurgen zwar eine praxisbasierte Heilkunde ausübten, dies jedoch ohne theoretische Grundlagen taten. Die Apotheker wiederum lebten gut von den antiken Kräuterrezepturen eines Galens und Avicennas, welche die Ärzte nach wie vor verschrieben.

     

    Spagyrik:
    Alchemistische Heilmittel fürs 21. Jahrhundert

    Seit Paracelsus wird der Forschungszweig der medizinischen Alchemie als Spagyrik bezeichnet. Spagryik – aus dem Griechischen spao/span „trennen“ und ageirein „sammeln, vereinigen“ – ist eine grundsätzliche Arbeitsweise. Sie beschreibt den Vorgang der Auftrennung (Analyse) eines Stoffes in seine Grundbestandteile, deren Reinigung und anschliessende Neuverbindung zu einem Stoff höherer Ordnung (S. 56 Lexikon).

    Spagyrische Arzneien bleiben auch im 21. Jahrhundert aktuell und werden gerne gekauft, denn: sie wirken. Trotzdem wird ihre Wirksamkeit mit dem Hinweis auf fehlende naturwissenschaftliche Nachweise immer wieder mal bestritten. Tatsächlich ist die ganzheitliche und kontext-abhängige Sicht der Spagyrik für die moderne Arzneimittelkunde eine Herausforderung. Warum? Weil die Pharmakologie danach trachtet, die Wirkung einzelner Substanzen kontext-unabhängig d.h. isoliert im Labor nachzuweisen.

    Genau das aber widerspricht dem Kern der modernen alchemistischen Medizin: Sie setzt Heilmittel stets in Bezug zum lebendigen Indivduum und berücksichtigt die Wechselwirkung(en) der Wirkstoffe. Solange die isolierte Betrachtung im Labor als wissenschaftliche Maxime Gültigkeit hat, solange bleibt der geforderte „wissenschaftliche“ Nachweis schwierig und zwar ganz einfach deshalb, weil die Versuchsanlage von Anfang an nicht zielführend ist – es nicht sein kann.

    Einzigartige Kristallisationsmuster, die einen faszinierenden Einblick in die Lebenskräfte der Quintessenzen bieten. Bildquelle: Aurora Pharma 

    Der hohe Grad an Spezialisierung in den Naturwissenschaften wird von Systemtheoretikern schon länger kritisiert, weil dabei der Blick fürs grosse Ganze verloren gehe. Daraus erklärt sich vielleicht auch das Revival alter „ganzheitlicher“ Wissenschaften wie der Alchemie, die als alternative Modelle zu neuen wissenschaftlichen Ansätzen inspirieren?

    Schweizer Alchemist mit eigenem Verfahren

    Ein eigenwilliger Denker und Forscher war der Schweizer Alchemist Josef Lüthi (1935-2004) der ein eigenes spagyrisches Verfahren entwickelte bzw. patentieren liess (spag. Lüthi) und die Aurora Pharma gründete.

    Lüthi hatte offenbar einen besonderen Zugang zu der allegorischen Sprache der Alchemie und entwickelte daraus eigene Bilder und Visionen, die dann vor allem in der Herstellung der Edelstein-Essenzen mündete. Pflanzen und Metalle hatte davor z.B. auch schon Paracelsus verarbeitet, von den Edelsteinen ist in der Literatur und Historie kaum etwas bekannt und Josef Lüthi hat hier ganz klar Pionierarbeit geleistet.

    Lüthi setzte sich zeitlebens intensiv damit auseinander, wie der Herstellungsvorgang so optimiert werden kann, dass am Ende eine Tinktur entsteht, welche die höchsten Heilkräfte einer Ausgangssubstanz beinhaltet. In seinen Forschungen stützte sich der in Wohlen geborene Alchemist auf die Lehren seines Mentors Dr. Albert Richard Riedel, besser bekannt als Frater Albertus, und vertiefte sich in die Werke von Paracelsus, Dr. med. Zimpel, oder Jakob Böhme.

    200 Schritte bis zur Krönung

    Das ultimative Ziel des zeitaufwendigen, spagyrischen Herstellungsprozesses ist die sogenannte „chymische Hochzeit“. Lüthi drang bei seinen Forschungen bis zum Kern des spagyrischen Wissens vor und fand nach über 30 Jahren Forschung einen Weg, eine echte, chymische Hochzeit herzustellen. Gemäss Angaben der Aurora Pharma ist er der Einzige, dem dies bisher gelang.

    Bei der chymischen Hochzeit werden die vorher getrennten Bestandteile des Rohstoffs d.h. die „Seele“ (ätherische Öle), der „Geist“ (vergärte Rückstände der Wasserdampfdestillation) und der „Körper“ (veraschte Pflanzenbestandteile) zu einer völlig neuen Substanz zusammengefügt. Nach dem Verfahren von Lüthi gehen diesem besonderen Ereignis rund 200 Schritte voraus; der genaue Herstellungsprozess ist hier beschrieben.

    Deshalb war es ein durchaus feierlicher Moment, als wir dieser besonderen „Hochzeit“ beiwohnen bzw. sie vollziehen durften ; )

     

    Die Quintessenz?

    THE FIFTH ELEMENT Jetzt ist klar, warum der Streifen so hiess, oder?! Bildquelle

    Quintessenz im Sinne von „auf den Punkt gebrachte Erkenntnis“ – dieses Wort verwenden wir immer wieder mal, doch die wenigsten dürften wissen, dass es alchemistische Wurzeln hat.

    In der Alchemie bezeichnet die Quintessenz das Ergebnis der chymischen Hochzeit. Inhaltlich geht sie auf die Vier-Elemente-Lehre des Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) zurück. Neben Erde, Wasser, Luft und Feuer ist sie das fünfte Element – hello Milla Jovovich! – welches himmlischer Natur ist.

    Als Ergebnis des Herstellungsprozesses ist die Quintessenz (lat. quinta essentia „fünfte Wesenheit“) weitaus mehr als die Summe ihrer TeileSie ist das himmlische Element, eine veredelte Version des ursprünglichen Rohstoffs, der nun seine höchsten Heilkräfte entfaltet.

    Die Quintessenz ist der innerste Wesenskern aller Stoffe, dem eine konservierende und/oder heilende Kraft eigen ist.

     

    Keine 08/15-Herstellung

    Neben Aurora Pharma produzieren auch Hersteller wie Ceres, Dr. Hauschka, Heidak, Weleda, Spagyros oder Wala ihre Heilmittel nach aufwendigen Verfahren, in die viel Zeit und Handarbeit gesteckt werden.

    Oft gibt dabei die Natur den Takt an. Stimmt der Zeitpunkt, werden die Blüten oder Wildkräuter von den Mitarbeitenden auch mal morgens um 04.00 Uhr geerntet oder spätabends im Kerzenschein behutsam und in absoluter Stille von Hand geschnitten.

    Für Zyniker und kritische Geister hört sich das alles vielleicht nach Schaumschlägerei an. Andere werden in solchen Verfahren durchaus einen Mehrwert erkennen. Wenn alle Materie Schwingung ist, hat auch alles einen Rhythmus, alles seine Zeit. Oder mit Hesse gesprochen: seinen Eigen-Sinn.

    „Einzig der Eigensinn ist es, der nach von Menschen gegebenen Gesetzen nicht fragt. Wer eigensinnig ist, gehorcht einem anderen Gesetz, einem einzigen, unbedingt heiligen, dem Gesetz in sich selbst, dem ,Sinn‘ des ,Eigenen‘.“

    Hermann Hesse (1877-1962)

    Der grundlegendste menschliche Rhythmus ist die Atmung, welche sich auf einer Makro-Ebene als Ebbe und Flut widerholt und seinen Widerhall sogar im im Universum findet. Sogar die Ikone Frankreichs, der Eiffelturm, dehnt sich in den Gezeiten der Jahreswechsel aus und zieht sich wieder zusammen: Rund 10-15cm länger wird er bei sommerlichen Temperaturen im Vergleich zu frostigem Wetter!

     

    Arzneimittel mit „Seele“

    Sofortige Bedürfnisbefriedigung und möglichst umfassende Kontrolle – diese gesellschaftlichen Ansprüche sind Realität. Medikamente sollen jederzeit verfügbar sein, die Wirkung umgehend eintreten. Denn: Wir müssen ja schnell weitermachen, haben viel zu tun in unserem rasend beschäftigten Leben.

    Wie bequem also, dass konventionelle Pillen von der Pharma-Industrie im Handumdrehen standardisiert und in grossen Mengen hergestellt werden können, sobald die chemische Rezeptur einmal steht. Die dafür benötigten Rohstoffe werden künstlich hergestellt und lassen sich jederzeit in der gewünschten Menge und in wissenschaftlich „gleichbleibender“ Qualität (re-)produzieren.

    Im Gegensatz dazu ist die Spagyrik – was Menge und Qualität der benötigten Rohstoffe betrifft – von den Launen der Natur abhängig. Anstelle dem technologisch getriebenen Machbarkeitswahn zu verfallen, werden hier die Grenzen der Natur implizit anerkannt:

    • Der Umgang mit den natürlichen Ressourcen ist wertschätzend.
    • Das mehrstufige spagyrische Veredelungsverfahren zielt darauf ab, die „Lebenskraft“ der Rohstoffe zu erhalten bzw. deren Wirkung bestmöglich zu steigern.
    • Zusätzlich zur Symptombekämpfung d.h. raschen Schmerzlinderung steht bei spagyrischen Präparaten immer auch die Aktivierung der Selbstheilungskräfte im Fokus.
    • Die Behandlung sieht den Menschen als Individuum.
    • Die Wirkung des Arzneimittels ergibt sich u.a. aus dem Wechselspiel zwischen Wirkstoffen und dem lebendigen Organismus des erkrankten Menschen (was sich eben im Labor nicht bzw. kaum reproduzieren lässt).

    Die moderne Wissenschaft ist aufgrund der ihr zugrunde liegenden Wertvorstellungen und der von ihr bevorzugten Versuchsanordnungen ist solchen Argumenten nur sehr verhalten zugänglich. Aber vielleicht bringen sie in Dir etwas zum Klingen?

    „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“
    aus: „Der kleine Prinz“,
    Antoine de St. Exupéry (1900-1944)

    Wer das nächste Mal in der Drogerie oder Apotheke steht, wird sich hoffentlich in Erinnerung rufen können, warum solche pflanzliche Präparate ihren Preis haben und worin der qualitative Unterschied besteht.

     

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    Falls Du bis hierher durchgehalten hast:

    Dieses Post ist (wie alle anderen auf diesem Blog verfügbaren Beiträge) aus Interesse am Thema entstanden also kein Advertorial und auch kein Versuch, Dich von irgendwas zu überzeugen : ) Da unser Permakultur-Projekt Which?Garden einen Heilkräutergarten umfasst, haben wir uns gerne bei einigen spannenden Unternehmen umgesehen. So kam es, dass wir im Rahmen eines Besuchs der Aurora Pharma auf dieser ganz besonderen „Hochzeit“ tanzen und mehr über die medizinische Alchemie erfahren durften. Das in Affoltern am Albis ansässige Unternehmen stellt seine spagyrischen Urtinkturen aus Pflanzen, Mineralien und Metallen nach alchemistischen Prinzipien her. Wir bedanken uns herzlich bei Herrn Dr. Renato Kaiser und seinem Team, insbesondere Herrn Benjamin Maeles und Herrn Samuel Zumbühl, für den freundlichen Empfang und die spannende Führung.

     

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    Quellen/weiterführende Links & Literatur:

    Blog-Post „Grüne Antibiotika“

    Geschichte der Alchemie, Hans-Werner Schütt, ISBN 9783406466380

    Lexikon der Alchemie, Claus Priesner und Karin Figala (Hrsg.)

    https://anthroblog.anthroweb.info/2012/alchemie-paracelsus-und-die-deutsche-naturphilosophie/

    https://de.wikipedia.org/wiki/Spagyrik

    https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Chemie

    Essay von Hermann Hesse über „Eigensinn“ als Hörbuch auf Youtube

     

  • SPREAD THE HAPPINESS

    Die Weihnachtszeit soll Wärme und Freude verbreiten? Dazu kannst Du etwas beitragen! Zum Beispiel mit dem belückenden Adventskalender der Action for Happiness-Bewegung. Oder mit einem Random Act of Kindness d.h. einer guten Tat, die irgendeiner unbekannten Person in den Schoss fallen wird, ohne dass Du eine Gegenleistung erwartest.

    Bildquelle: Action for Happiness, Happiness Facts, http://www.actionforhappiness.org/

    Das treffende Motto solch‘ zufälliger guter Taten lautet:

    Make someone’s day today!

    Glück ist kein Zufall

    Entscheidend ist dabei das Wort „make„. Glück hat seinen Ursprung in unseren Taten, sagt der Dalai Lama.

    Tatsächlich hängt unser persönliches Glücksempfinden zu 40% von unseren Handlungen, Beziehungen und bewussten Entscheidungen ab. Die Gene bzw. unsere Erziehung sind für 50% der Unterschiede im Glücksgefühl verantwortlich. Am wenigstens Einfluss haben – für viele vielleicht überraschend – unsere Lebensumstände d.h. Faktoren wie Einkommen, Besitztümer oder Wohnsituation.

    Vielleicht spornt Dich ja diese Erkenntnis dazu an, dieses Jahr weniger konsumorientiert zu schenken und anstatt gross einzukaufen lieber in Beziehungen und gute Taten zu investieren?

    Du hast es jedenfalls zum Grossteil selbst in der Hand, wenn Du bereit bist, etwas dafür zu tun! Diese Erkenntnis ist keineswegs neu, wie das Sprichwort „Sei Deines eigenen Glückes Schmied“ belegt. Und ganz ehrlich: Verbringst Du Deine Zeit lieber mit miesepetrigen Stinkstiefeln oder mit Menschen, die eine positive Ausstrahlung haben.`Eben!

     

    Beispiele gefällig?

    Inspirierende Beispiele für gute Taten gibt’s zuhauf:

    • Lächle jemandem aufmunternd zu, der gerade etwas mürrisch an Dir vorbeischlurft.
    • Füttere die abgelaufene Parkuhr Deines Parknachbars mit einem Fränkler, einfach so.
    • Biete Deinen Sitzplatz dem alten Herrn an, der gerade ins Tram gestiegen ist.
    • Lass‘ jemandem den Vortritt, auch wenn Du vielleicht zuerst da warst.

    Viele weitere Ideen hat die Random Acts of Kindness Foundation hier zusammengetragen, oder schau Dir diese 101 Ideen an. Und wer mehr übers Glück erfahren will, dem sei der Dokumentarfilm Happy ans Herz gelegt.

     

    Adventskalender 2018

    Zum Abschluss hier noch der offiziell von Fou de Fougerette empfohlene Adventskalender zum Download:

    Glücksfall: Der etwas andere Adventskalender.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    #foudefougerette
    #transitioncastle

  • Rosa Brillen bringen’s doch

     

    Wer durch die sprichwörtliche rosa Brille blickt, sieht „rosige Zeiten“ auf sich zukommen und schafft eine positive Erwartungshaltung in Bezug auf die eigene Zukunft. Eine clevere Strategie, um sich selbst bei Laune zu halten! Unverbesserliche Optimisten müssen sich jedoch oft vorwerfen lassen, ihre Vorstellungen seien unrealistisch und damit letztlich kontraproduktiv. Nur… stimmt das wirklich?

     

    Optimisten sind glücklicher

    Die Neurowissenschaftlerin Tali Sharot vertritt in ihrem Buch Das optimistische Gehirn die These, dass der sogenannte optimism bias d.h. der unrealistische Optimismus entscheidend zu unserem Glücklichsein beiträgt.

    Warum? Weil unser Geist alle Hebel in Bewegung setzt, um Prognosen möglichst Realität werden zu lassen. Optimistische Annahmen machen uns deshalb automatisch körperlich und geistig fitter und sorgen dafür, dass wir eine grössere Motivation entwickeln, zu handeln und produktiv zu sein. Das erklärt wohl auch das Phänomen der „selbsterfüllenden Prophezeiung“ oder auch, warum positives Visualisieren durchaus Wirkung entfalten kann – unser Hirn macht keinen Unterschied zwischen echten und vorgestellten Bildern!

    Die Tendenz, alles durch die rosa Brille zu sehen, begleitet Menschen ein Leben lang und ist unabhängig von Alter, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, sozialem und wirtschaftlichem Status.

    Rund 80% der Bevölkerung sind unrealistisch optimistisch veranlagt.

    Jetzt sei doch mal realistisch!

    Die grosse Mehrheit von uns neigt also quietschfidel dazu, die Wahrscheinlichkeit positiver Ereignisse in ihrem Leben zu überschätzen und ihr persönliches Risiko für negative Ereignisse für unterdurchschnittlich zu halten. Die Statistik widerlegt diese fromme Hoffnung, doch solange wir (noch) daran glauben, sind wir tatsächlich glücklicher.

    Offenbar sind nur leicht depressiv Menschen in der Lage, die Zukunft realistisch einzuschätzen und die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Ihr „depressiver Realismus“ lässt die Betroffenen ziemlich exakte Zukunftsprognosen treffen. In einer Depression hingegen verlieren Menschen komplett den Zugang zu ihren positiven Gefühlen und Erwartungen und werden unfähig, sich eine Zukunft zu konstruieren, erklärt der US-amerikanische Existenzialpsychologe Rollo Mayes.

     

    Wer sich selber beruhigen kann, hat mehr Erfolg

    Früher oder später kriegen aber auch unverbesserliche Optimisten vom Leben eins auf den Deckel – und hier wird’s spannend. Denn während einige rasch wieder aufrappeln, stürzen andere in eine tiefe Krise, wenn etwas schief läuft…

    Das hängt damit zusammen, dass positives Denken wenig hilft, wenn nicht die eigentlichen Ursachen ungünstiger Überzeugungen beseitigt werden: Wer einen Misserfolg gut wegstecken und weiterhin optimistisch in die Zukunft schauen kann, ist in der Lage, die für das Problemlösen und Handeln wichtigen Emotionen wiederherzustellen (positiver Affekt). Ist diese Fähigkeit wenig ausgeprägt, fällt es dem Betreffenden schwer, sich selbst zu beruhigen. Er verharrt dann in der negativen Stimmung, versperrt sich dadurch den Zugang zu seinen Ressourcen, gerät in ein Leistungsdefizit und zieht daraus den Schluss: Ich kann das nicht.

    Pessimistische Überzeugungen sind somit meist die Folge (nicht die Ursache!) von Misserfolg. Herausgefunden hat dies Prof. Julius Kuhl, dessen Persönlichkeits-System-Interaktions (PSI)-Theorie deshalb so bahnbrechend ist, weil sie aufzeigt, wie wir über die Gefühlsregulation die Funktionsweise unseres Gehirns beeinflussen können. Denn sowohl die Aktivierung der vier psychischen Systeme als auch der Informationsaustausch zwischen ihnen ist von Stimmungen und Gefühlen d.h. von Affekten abhängig.

    „Eine wirksame Selbststeuerung ermöglicht uns Selbstbestimmung und Autonomie.“
    Prof. Julius Kuhl

    Im Idealfall lernen Menschen möglichst schon in ihrer Kindheit mit ihren Gefühlen umzugehen. Der Vorteil? Wenn es uns gelingt, unsere Gefühle zu steuern, wir unsere Wut oder Angst beruhigen oder unsere Mutlosigkeit überwinden oder den Verlust positiver Gefühle aushalten können, dann haben wir auch jederzeit Zugriff auf dasjenige psychische System, das wir gerade brauchen.

    (Mit Deinen Gefühlen und Bedürfnissen in Kontakt treten kannst Du 2019 auch auf Fougerette – der nächste GfK-Kurs wird demnächst augeschrieben!)

     

    Wissen schützt vor Optimismus nicht

    Bild: burst.shopify.com via Pexels

    Doch zurück zu den unverbesserlichen Optimisten. 1993 wurden in einem Versuch Jurastudentinnen und -studenten befragt, die demnächst heiraten wollten. Sie alle konnten die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit einer Scheidung ziemlich genau einschätzen. Bezüglich der Erwartungen an ihre eigene Ehe waren sie hingegen sehr optimistisch – sowohl was die Wahrscheinlichkeit einer Trennung als auch die negativen Folgen einer Scheidung betraf.

    Daraufhin liessen die Psychologin Lynn Baker und ihr Kollege Robert Emery sie einen Kurs in Familien- und Scheidungsrecht absolvieren und befragten sie erneut. Das Ergebnis?

    Trotz erhöhtem Bewusstsein für die Folgen einer Trennung und obwohl sie nun über zuverlässige und detaillierte Informationen verfügten, hielten die Studierenden noch immer an ihrer idealistischen Annahme fest! Genau darum heiraten Menschen auch nach einer schmerzhaften Trennung erneut: Weil ihr unrealistischer Optimismus ihnen einflüstert, dass es diesmal besser, nun ja… eben anders sein wird.

     

    Der Gipfel? Drei Tage Vorfreude!

    Ein weiterer Grund, der für eine optimistische Lebenshaltung spricht: Manchmal ist es besser, etwas Gutes zu erwarten, als es tatsächlich zu erleben. Die meisten Menschen  ziehen es sogar vor, auf etwas Schönes zu warten! Die optimale Balance zwischen Vorfreude und Impulsivität bietet offenbar eine 3-tägige Wartefrist : )

    Wobei: (Ab-)warten ist nicht immer die richtige Antwort, denn wenn wir etwas Unangenehmes erwarten, dann wirkt sich auch auf unser Befinden aus…

    Der Killer? 10 Jahre Furcht…

    Elektroschock – jetzt gleich oder in 10 Jahren? Bild: Screenshot/pavlok.com (2014)

    Wie viel wärst Du zu zahlen bereit, um einen 120-Volt-Elektroschock abzuwenden?

    • Jetzt sofort
    • In 3 Stunden
    • In 24 Stunden
    • In 3 Tagen
    • In 1 Jahr
    • In 10 Jahren

    Lieber früher als später

    Das faszinierende Ergebnis der obigen Umfrage: Die Studierenden waren bereit, fast doppelt so viel dafür zu bezahlen, um den Elektroschock in zehn Jahren zu vermeiden! Gemäss klassischen Wirtschaftstheorien ist dieses Verhalten absolut irrational, weil der Schmerz durch einen 120-Volt-Elektroschock heute wie auch in zehn Jahren auf einer Skala von 1-100 gleichbleibend bei ungefahr 40 liegt.

    Was dabei ausser acht gelassen wird, ist die emotionale und seelische Belastung, die durch zehn Jahre der Erwartung des Elektroschocks entsteht. Damit wird auch nachvollziehbar, warum die Studierenden instinktiv bereit waren, für die Vermeidung dieser Belastung mehr zu bezahlen als für nur drei Stunden „bibbern“: Ihr Verhalten ist durchaus rational.

    Es spricht also einiges dafür, sich bei unangenehmen Ereignissen dafür zu entscheiden, sie möglichst schnell hinter sich zu bringen. Nur so lässt sich die Furcht vermeiden, die uns bei der Aussicht auf Schmerzen garantiert packen wird… ; )

     

    Hier erfährst Du direkt von Tali Sharot mehr über den „optimism bias“ (English only):

     

    Quellenangaben & weiterführende Links:

  • Die Macht der Gewohnheit

    Wendy Wood, Professor for Psychology and Business, Image credit: https://dornsife.usc.edu/wendywood

    Endlich mehr Sport treiben? Weniger Süsses essen? Ordentlicher werden? Den meisten Menschen fehlt ein intuitives Verständnis dafür, wie sie schlechte Gewohnheiten bzw. ihr Verhalten verändern können. Dabei ist es genau diese Fähigkeit, die willensstarke Menschen, vom Rest der Menschheit unterscheidet.

    Die amerikanische Psychologie-Professorin Wendy Wood erforscht unter anderem, warum es einigenMenschen besser gelingt als anderen, ihr Verhalten zu verändern.

    Woods Fazit:

     

    „Willensstarke Menschen sind gut darin, sich eine hilfreiche Umgebung auszusuchen.“

    Hilfreich ist eine Umgebung dann, wenn sie die Person dabei unterstützt, das angestrebte (Verhaltens-)Ziel zu erreichen. Ein konkretes Beispiel gefällig? Wenn willensstarke Menschen eine knifflige Aufgabe lösen sollen, entscheiden sie sich für den Arbeitstisch. Der Rest der Menschheit versucht es lieber auf dem Sofa lümmelnd und hofft, dass es auch so irgendwie klappen wird…

     

    Motivation nicht entscheidend

    Wood untersuchte 2011 die Laufgewohnheiten von Menschen. Das erstaunliche Ergebnis der Studie: Diejenigen, die regelmäßig joggten, waren genau gleich stark motiviert wie jene, die sich kaum dazu durchringen konnten!

    Ein Fehlergebnis? Nein, denn es gab einen Unterschied (bloss war der entscheidende Faktor nicht wie vermutet die Motivation):  Diejenigen, die tatsächlich joggen gingen, reagierten viel stärker, wenn man sie an ihre Laufroutine erinnerte, weil sie geeignete „Auslöser“ in ihre Umgebung integriert hatten – die Joggingschuhe standen z.B. direkt neben der Tür.

     

    Der Trick? Gute Organisation!

    In einem anderen Experiment bot Wood Versuchspersonen jeweils zwei Bücher an, mit deren Hilfe diese ihr Verhalten ändern sollten.

    Das erste Buch handelte davon, wie man seine Umgebung besser gestaltet. Das zweite handelte davon, wie man sich Ziele setzt und erreicht. Und siehe da: Die meisten suchten sich das zweite Buch aus. Dabei ist es die Fähigkeit, sich eine hilfreiche Umgebung zu schaffen, die über Erfolg oder Misserfolg entscheidet.

    Der Mythos des „Man muss es nur wollen“ hält sich hartnäckig. Zudem überschätzen viele ihre Willenskraft (und unterschätzen gleichzeitig die Macht der Gewohnheit…). Wood widerspricht entschieden:

    „Menschen, die ihre Ziele erreichen, sind nicht willensstärker, sondern besser organisiert.

    Vielen Menschen ist überhaupt nicht bewusst, wie wenig ihr Verhalten durch ihren Willen gesteuert wird. Durchschnittlich 43% unseres Alltags besteht aus Gewohnheiten d.h. Handlungen, die wir ausführen, ohne darüber nachzudenken und ein bewusstes Ziel damit zu verfolgen.

    Ein Leben auf Autopilot also? Zumindest zur Hälfte. Und genau deshalb sollte man sich Gedanken darüber machen, nach welchen Vorgaben dieser programmiert ist bzw. auf welche Umgebungsreize er anspringt.

     

    Neue Umgebung = neue Gewohnheiten

    Wer sein Verhalten ändern oder eine schlechte Gewohnheit dauerhaft loswerden will, sollte geeignete Erinnerungshilfen in seinen Tagesablauf integrieren, die dazu beitragen, die guten Vorsätze auch in die Tat umzusetzen. Genau nach diesem Prinzip arbeitet ZRM®; während unserem ZRM®-Seminar vom 21.-23. Juli 2018 erarbeitest Du Deine ganz persönlichen „Auslöser“ in einer anregend grünen Umgebung.

    Die Reise ins Burgund lohnt sich, weil eine neue Umgebung uns offenbar besonders empfänglich macht für neue Verdrahtungen in unserem Hirn. Aber vielleicht strebst Du ja gleich lieber einen Wohnungswechsel an? Am einfachsten fallen uns Verhaltensänderungen gemäss Wood nämlich nach einem Umzug…

     

    Quelle: Interview mit Wendy Wood in „Brand Eins“ 

  • Cry Baby Cry

    Das Wetter ist heute echt zum Heulen… Beim Blick aus dem Bürofenster fällt mir dieser populärwissenschaftlichen Pseudo-Test ein, bei dem man sich als H2O-Molekül für eine „Form“ von Wasser entscheiden soll…

    Sehr viele Befragte wählen das Meer, manche wollen lieber ein munter plätschernden Bach oder eben eine Regenwolke sein. Was mein Cousin vor 20 Jahren auf diese Frage antworte, weiss ich noch, wie wenn es gestern gewesen wäre: „Eine Träne“. Zuerst war ich ziemlich irritiert. Mit der Begründung „… weil sie Ausdruck eines Gefühls ist“ hat er mich dann abe schwer beeindruckt.

     

    Warum weinen wir?

    Jawohl: In diesem Beitrag geht es ums Weinen. Und eigentlich liegt es auf der Hand, dass Gefühle und Tränen eng zusammenhängen. Evolutionsbiologisch ist Weinen sozusagen der Preis, den der Mensch für seine Sensbilibität, sein Bewusstsein und seine Intelligenz zahlt.

    Das Weinen scheint sich unter dem Strich als Anpassungsmechanismus entwickelt zu haben, der es ermöglicht, die negativen Nebeneffekte körperlicher Stressreaktionen aufzufangen.

     

    „Unsere ungehemmte, primitive Reaktion auf starke Gefühle besteht darin, körperlich aktiv zu werden. Das Wort „Emotion“ stammt von „movere“ (Lat. für bewegen)“

     

    Physiologie des Weinens

    Weinen ist ein natürlicher Prozess, der den Körper wieder ins Gleichgewicht bringt. Weinen ist kein überflüssiges Nebenprodukt im Rahmen emotionaler Belastung, sondern ein wichtiger Teil des Stress-Entspannungs-Kreislaufs. Gemäss Dr. Frey ist Weinen vergleichbar mit anderen körperlichen Prozessen, die dazu dienen, Abfallprodukte aus dem Körper auszuscheiden (ausatmen, schwitzen, urinieren etc.) – ein etwas ungewohnter, aber durchaus interessanter Gedanke.

     

    Träne ist nicht gleich Träne

    Der Biochemiker Dr. William Frey vom Ramsey Medical Center in Minneapolis (USA) hat die chemische Zusammensetzung menschlicher Tränen untersucht. Er bezahlte Freiwillige dafür, einen traurigen Film anzuschauen und ihre Tränen (sofern die Probanden weinen mussten) in einem Teströhrchen aufzufangen.

    Diese Art von Tränen nannte er „gefühlsinduziert“ d.h. von Gefühlen ausgelöst. Zum Vergleich sammelte er anschliessend auch „reizstoffinduzierte“ Tränen, die z.B. beim Zwiebelhacken ausgelöst wurden. Und siehe da: Seine Labor-Analysen ergaben, dass sich die beiden Arten von Tränen chemisch unterscheiden!

    Gefühlstränen sind „gehaltvoller“

    Sowohl Gefühlstränen als auch Reiztränen bestehen zu 98% aus Wasser. Durch Gefühle ausgelöste Tränen enthalten im Gegensatz zu Reiztränen höhere Konzentrationen von Stresshormonen wie Adrenocorticotropin, Prolaktin oder Leu-Enkephalin (wirkt schmerzhemmend) sowie mehr Mangan. Das Spurenelement Mangan spielt bei der Regulierung unserer Gemütsverfassung eine Rolle, allerdings nur in kleinster Menge! Chronisch depressive Menschen weisen oft zu hohe Mangan-Werte aus.

    Wenn wir uns so richtig ausweinen, schüttet der Körper jede Menge Stresshormone, Proteine und Mangan aus – und deswegen fühlen wir uns danach tatsächlich besser. Falsche Krokodilstränen bringen diesbezüglich hingegen rein gar nichts, denn erstens ist ihre biochemische Zusammensetzung anders und zweitens haben sie deutlich weniger „Wirkung“, weil andere Menschen den Unterscheid meist schnell erkennen (Quelle).

    Wenn Kinder weinen

    Gerade Kinder nutzen gemäss der Entwicklungspsychologin Aletha J. Solter das Weinen als Entspannungs-Mechanismus, mit dem sie sich selbst von Angst einflössenden oder frustrierenden Erfahrungen heilen, die sie kurz zuvor gemacht haben.

    Solters vertritt die Auffassung, dass weinende oder schreiende Kinder niemals ignoriert werden, sondern mit liebevoller Zuwendung angenommen werden sollten, weist aber auch ausdrücklich darauf hin, dass beileibe nicht jeder Tränenausbruch ein Zeichen für ein unbefriedigtes Bedürfnis sein müsse.

     

    Wer weint, ist glücklicher!

    Bild: Flickr/Robert Donovan

    Es hat also ausgesprochen wohltuende bis heilsame Wirkung, wenn wir uns ein paar Tränen zugestehen! Beim Weinen bauen wir Spannung ab, Blutdruck und Pulsfrequenz sinken. Weinen stärkt zudem die physische und psychische Gesundheit und verbessert offenbar auch unsere Konzentrations- und Lernfähigkeit.

    Als weiteres Plus könnte sich in nicht allzu ferner Roboter-Zukunft die Tatsache erweisen, dass Deine Tränen Dich als Menschen aus Fleisch und Blut ausweisen ; )

    88.8% der Befragten gaben in einer Studie der South Florida University an, sich nach dem Weinen besser zu fühlen. Menschen, die bald nach traumatischen Erfahrungen die Möglichkeit hatten, ihre Gefühle auszudrücken und über das Erlebte zu weinen, erholen sich besser, sind emotional gesünder und haben später weniger Probleme in ihren Beziehungen.

    Aktuelle Studien weisen allerdings darauf hin, dass es darauf ankommt a) aus welchem Grund wir weinen und b) ob wir alleine sind oder nicht. In Anwesenheit von zwei oder mehr Personen fühlten sich die meisten Mesnchen, die weinen mussten, eher schlechter.

     

    Bist Du ehrlich oder einfach nur schwach?

    Was die Akzeptanz von Tränen betrifft, so spielt – wenig überraschend – das Geschlecht eine Rolle.

    Neuerdings gilt es als Zeichen von Stärke, wenn Männer weinen. Frauen weinen ebenfalls, doch sie bezahlen einen Preis dafür: Eine entsprechende Studie der Penn State Universität kam zum Schluss, dass die Tränen von Männern von den Probanden als Zeichen von Ehrlichkeit gedeutet wurden, während Weinen bei Frauen als Zeichen von Schwäche beurteilt wurde. Bei beiden Geschlechtern waren leicht tränenfeuchte Augen akzeptabler als offenes Weinen.

     

    Also denne, lasst uns heulen : ) 

    Vor Wut, vor Glück, vor Trauer, vor Mitgefühl… Tränen bei sich und anderen zulassen, sich weinenden Menschen liebevoll zuwenden – dafür sollten die Krankenkassen eigentlich einen Gesundheitsbonus ausschütten!

     

    PS: Eigentlich sollten wohl abschliessend die Beatles mit „Cry Baby Cry“  zu Wort kommen, aber diese tolle Cover-Version von Massive Attacks Klassiker „Teardrop“ der norwegischen Sängerin Aurora passt ja auch : )

     

     


    Quellen zum obigen Beitrag:

  • Grüne Antibiotika

    Grün und heilkräftig: Pflanzliche Antibiotika

    Bereits zum dritten Mal begeht die Welt die „Antibiotics Awareness Week„. Der öffentliche Aufruf zu einem sorgfältigeren Umgang mit Antibiotika unterstreicht deutlich: Das Thema „Antibiotika-Resistenz“ ist brisant und betrifft uns alle – und genau deshalb planen wir im Rahmen unseres Permakultur-Projekts auch einen Heilpflanzengarten mit Fokus auf grüne Antibiotika.

    //UPDATE 12/2018//

    • In der Schweiz hat sich die Zahl der sogenannten MRSA-Keime (Methicillin-resistenter Staphylococcus Aureus) in nur drei  Jahren verdoppelt.
    • In Europa sterben jedes Jahr etwa 33’000 Menschen an antibiotikaresistenten Keimen.
    • Die Zahl der Infektionen hat sich seit 2007 fast verdoppelt, es werden deutlich Todesfälle verzeichnet.
    • Etwa drei Viertel der Ansteckungen mit antibiotikaresistenten Keimen passieren in Spitälern und anderen Gesundheitseinrichtungen. (Quelle)

    Dokumentarfilm: „Der unsichtbare Feind – Multiresistente Keime auf dem Vormarsch“
    Der Film untersucht die Produktionsbedingungen bzw. mangelhafte Abwasserreinigung von Antibiotika-Fabriken in Indien und China – sowie deren Folgen. Es gibt derzeit auch in der Schweiz keinen Grenzwert für resistente Bakterien in aufbereiteten Abwässern. Gemäss Infektiologen tickt die Zeitbombe schon längst…

    Geschätzte 90% der Grundstoffe für Antibiotika weltweit stammen aus China und werden nach Indien exportiert. Die indischen Zulieferer produzieren daraus Wirkstoffe und Antibiotika für die ganze Welt.
    Quelle: SRF, 8. November 2018.

    //END OF UPDATE//

    Vom Aufstieg & Fall einer Wunderwaffe

    Als Alexander Fleming 1928 eher zufällig Penicillin entdeckte, brach in der Medizin eine neue Ära an. Endlich standen hochwirksame Mittel zur Verfügung, um Infektionen wie Lungenentzündungen oder Harnwegsinfektionen zu bekämpfen. Schon bald wurden weitere Antibiotika entdeckt, es schien, als ob der Gesundheit der Menschheit eine goldene Zukunft bevorstehe…

    Resistenz – ein neues Phänomen?

    Mit Antibiotikaresistenz wird die Fähigkeit einiger Bakterien bezeichnet, sich anzupassen und der Wirkung von Antibiotika zu widerstehen. Resistent werden also nicht die Menschen, sondern die Bakterien. Resistente Bakterien können sich vermehren und sich von einer Person auf andere übertragen. Solche Krankheitserreger können die Behandlung einer Infektion erschweren, verlängern oder im schlimmsten  Fall sogar verunmöglichen.

    Der Traum einer goldenen Zukunft erhielt schon relativ früh einen Dämpfer: Erste antibiotikaresistente Bakterien tauchten nämlich bereits vier Jahr vor der Marktzulassung von Penicillin auf! Alexander Fleming selbst mahnte in seiner Nobelpreis-Rede 1945, dass mit Penicillin sorgsam umzugehen sei, denn der Staphylococcus sei ein „sehr cleverer Organismus“.

    Der heute als MRSA berühmt-berüchtigte Staphylokokkenstamm (Methicillin-resistant staphylococcus aureus) wurde 1959 erstmals isoliert. 1998 erschien in der Fachzeitschrift „The Lancet“ ein Beitrag über Vancomycin-resistente Staphylokokken. Der Titel des Beitrags? „Apocalypse Now“ – und das ist nicht einmal übertrieben, denn: Ohne Antibiotika werden viele derzeit gut behandelbare Infektionen wieder zu einer tödlichen Gefahr und auch operative Eingriffe werden deutlich riskanter (und wer’s mit Humor zur Kenntnis nimmt, sollte definitiv mal beim Seuchen-Quartett anlässlich eines munteren Spielrausch-Abends im Hive mitmischen ; -)

    Resistente Keime auf dem Vormarsch

    Die Gründe für die Zunahme resistenter Keime sind vielfältig:

    • Antibiotika haben einen vergleichsweise simplen Wirk-Mechanismus. Die über Jahrmillionen entwickelten Keime, die sie bekämpfen sollen, sind demgegenüber mit allen Wassern gewaschen und verfügen über ausgeklügelte Abwehrstrategien.
    • Antibiotika werden zu breit eingesetzt d.h. von vielen Ärztinnen und Ärzten zu leichtfertig verschrieben. Oft wird auch kein Antibiogramm erstellt, um die bakterielle Infektion vor Abgabe eines Rezepts mittels Labortest zu bestätigen. Hinzu kommt, dass vielen Anwendern zu wenig bewusst ist, dass Antibiotika nur gegen bakterielle Entzündungen helfen; ist die Infektion wie bei einer Erkältung oder Grippe von einem Virus verursacht, bleiben Antibiotika wirkungslos.
    • Antibiotika werden falsch eingenommen. Oft geht zuhause die Einnahme des verschriebenen Antibiotikums vergessen, sobald der Patient sich besser fühlt. Die zu schwache Dosis ist aus Sicht der Bakterien perfekt, denn so können sie lernen, das Antibiotikum auszuhebeln. Das Ergebnis? Resistenz.
    • Antibiotika werden auch in der Landwirtschaft in grossen Mengen eingesetzt. Spuren von Antibiotika sind in vielen Lebensmitteln enthalten und es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Landwirtschaft mitverantwortlich ist für die Ausbreitung antibiotikaresistenter Keime.

    Lage spitzt sich zu

    Mittlerweile ist klar: Wir haben ein ernstes Problem. In der EU sterben jedes Jahr gemäss Schätzungen 25’000 Personen, die Zahl der Resistenzen nimmt zu. Auch in der Schweiz sterben deswegen jedes Jahr Menschen und Tiere, die genaue Zahl ist jedoch unklar. Bei schweren bakteriellen Infekten waren Antibiotika bisher oft lebensrettend – diese Behandlungsoption könnte nachfolgenden Generationen zukünftig verwehrt sein.

    Stinken für einen guten Zweck: Knoblauch wirkt antibiotisch!

    Zurück auf Feld 1? Vorhang auf für grüne Antibiotika!

    Nicht immer brauchen wir unbedingt ein chemisches Antibiotikum. Viele Infekte lassen sich auch mit antibiotisch wirksamen Pflanzen (mit-)behandeln – und das erst noch ohne Nebenwirkungen. Bei leichten bis mittelschweren Infektionen lohnt es sich, zuerst die Bekämpfung der Keime mit natürlichen Stoffen zu versuchen. Auch die Kombination pflanzlicher und chemischer Antibiotika bietet in einem zweiten Schritt vielversprechende Ansätze.

    Heilpflanzen unterstützen das Immunsystem, statt es zusätzlich zu schwächen, wie dies bei chemischen Antibiotika der Fall ist, welche die körpereigene Darmflora angreifen und wo zusätzlich das Risiko besteht, dass der Erreger resistent wird. Allerdings gilt es zu beachten, dass „natürlich“ keinesfalls gleichbedeutend ist mit „ungefährlich“! Bei Pflanzenheilmitteln ist weniger oft mehr, und auch hier gilt es mögliche Unverträglichkeiten zu beachten.

    Wirkstoff-Gruppen pflanzlicher Antibiotika

    Für wissenschaftlich Interessierte, seien nachfolgend kurz die wichtigsten Wirkstoff-Gruppen der Naturheilkunde erwähnt:

    Fougerettes Heilpflanzengarten: Ein Schatzkästlein der Natur

    Welche Heilpflanzen konkret in unserem Heilgarten stehen sollen, sind wir derzeit am Ausknobeln. Die Heilpraktikerin und Dozentin für Heilpraktik, Phyto- und Aromatherapie, Aruna M. Siewert (Autorin des Buchs Pflanzliche Antibiotika, Geheimwaffen aus der Natur) listet in ihrer kleinen Heilplflanzen-Apotheke folgende Namen auf:

    • Birkenblätter

      Ein kräftiger Ingwer-Tee stärkt das Immunsystem
    • Goldrute
    • Kamille
    • Kapuzinerkresse
    • Odermennig
    • Pfefferminze
    • Salbei
    • Schafgarbe
    • Sonnenhut
    • Thymian
    • Melisse
    • frischen Knoblauch
    • frische Zwiebeln
    • sowie Aloe Vera und Propolis

    Dr. med. Eberhard J. Wormer, Arzt und Autor des Ratgebers Grüne Antibiotika, Heilkräftige Medizin aus dem Pflanzenreich, sieht in der antibiotischen Wirkung vieler Heilpflanzen und Pilze die letzte Chance gegen MRSA und andere resistente Krankheitskeime. Aus seiner Sicht sind die wirksamsten grünen Antibiotika:

    • Cryptolepis
    • Sida
    • Beifuss
    • Echinacea
    • Ingwer
    • Honig
    • Vitamin D

    Wormer vertritt die Meinung, dass sich Patienten heute grundsätzlich von der Einstellung verabschieden müssten, dass sie ihre gesundheitlichen Probleme durch Schlucken einer Pille innerhalb weniger Tage in den Griff bekämen:

    „Wer sich grünen Antibiotika zuwendet, vertraut der Kraft der Natur und seinen Selbstheilungskräften. Er wird ein bisschen Geduld benötigen. Das wichtigste Ziel der grünen Antibiotika-Therapie ist der Aufbau und Erhalt eines robusten und leistungsfähigen Immunsystems – und das geht nicht von heute auf morgen. Ist aber dieses Ziel erreicht, haben selbst resistente Keime keine Chance.“

    zeigt sich Dr. Wormer überzeugt.

    Klingt gut? Finden wir auch! Gerne halten wir Dich auf dem Laufenden, wie es mit unserem Heilpflanzen-Garten weiter geht, und wünschen Dir einen gesunden Winter!

    Quellen & Weiterführende Links:

  • La Fête des Possibles (18.-30.9.2017)

    Was für ein toller Name! Was für eine wunderbare Idee! Hast Du Lust, mitzufeiern? Bei dieser Serie von Anlässen in ganz Frankreich, welche von Transition Citoyenne in Kooperation mit lokalen Initiativen organisiert wird, geht es darum, das Mögliche in die Tat umzusetzen und damit die Zukunft schon heute zu uns nach Hause zu holen.

    Am 23. September findet zudem erstmals der European Day of Sustainable Communities statt. Vielleicht sind wir ja das nächste Mal schon mit dabei, sofern unser Permakultur-Projekt wie erhofft durchstartet! Bereits dieses Jahr sind in Autun und Luzy mehrere Events zur Fête des Possibles geplant und es engagieren sich in ganz Frankreich und Belgien über 450’000 Bürgerinnen und Bürger. Wow!

    Weitere Infos für Interessierte: http://fete-des-possibles.org.

  • Erhellend!

    Im besten Fall bringt (Nach-)Denken Licht ins Dunkel. Und zwar nicht nur im übertragenen Sinne, sondern wie bei den nachstehenden solarbetriebenen Lampen in echt. Nur schade, dass es unsere mächtig praktischen Sunnan-Lämpli nicht mehr gibt! Die Suche nach geeignetem Ersatz hat übrigens den Anstoss zu diesem Post gegeben : )

     

    Auch Wissen ist erhellend. Vor allem dann, wenn es dazu führt, dass wir unser Handeln besser steuern und unser Leben damit bereichern können:

    (Cola-Silhouette der Flasche bitte abstrahieren, mit dem Link zum Video geht es uns – genau beim ZRM®)-Grundkurs auf Fougerette vom 22.-24. Juli 2017 – um die Stärkung der Selbstwirksamkeit!)

     

    Watt soll denn das?!

    Wir meinen: Wer eine klare Vorstellung davon hat, was er bzw. sie aus der Steckdose zapft, versteht auch besser, warum bewusster Stromverbrauch einen Unterschied macht. Ingenieur Florian Schlumpf, Erfinder der Zeitmaschine sowie Vater unserer früheren Küchen- & Housekeepingfee Fiona, veranschaulicht den Stromverbrauch wie folgt:

    • Eine (kleinere) elektrische Herdplatte hat etwa die Leistung von 1 Kilowatt (kW).
    • Eine Leistung von 1 Kilowatt (kW) bedeutet, dass 100kg pro Sekunde 1 Meter angehoben werden.

    Soweit, so gut. Doch was würde das bedeuten, wenn wir den Strom für diese Herdplatte selber erzeugen müssten? Das hiesse dann konkret:

    Um den Strom für eine kleinere Kochplatte während 1 Minute selber zu erzeugen, müsste der Mensch in diesem Zeitraum total 6’000 Kilo 1 Meter in die Höhe stemmen!!!

    Energie-Check: Was der Mensch leistet

    Ein erwachsener Mensch hat eine Dauerleistung von ca. 150 bis max.200 Watt. Der Mensch ist somit in der Lage, über längere Zeit einen Zementsack von 15-20kg im Sekundentakt auf einen Tisch von 1m Höhe zu legen. Klingt alles noch ganz locker, jedenfalls könnte das Fitness-Studio dabei ersatzlos gestrichen werden.

    Dafür kommt’s jetzt dicke: Beim heutigen Strom-Grosshandelspreis von ca. 6 Rp./ Kilowattstunde (kWh) würde dieser Mensch dafür, dass er 1 Tag lang Zementsäcke auf 1 Meter anhebt, einen Tagesverdienst von etwa 9 Rappen erwirtschaften. Das würde nicht mal reichen, um die Nahrung zu kaufen, die dabei verbrennt wird!

    Florians lapidarer Kommentar zu dieser erhellenden Rechnung:

    „Das belegt eindrücklich, wie unglaublich unrealistisch tief unsere Energiepreise sind“.

    Falls Du beim Lesen bis hierhin durchgehalten hast und Dir nun dämmert, dass da was grundlegend schief läuft, kannst du ab sofort mit einem bewussteren Stromkonsum was tun.

    PS: Michi Kistler macht das schon, er hat zuhause bei sich in Stäfa das Stromsparvreneli lanciert.

     

    Links

    • http://littlesun.com
    • http://gravitylight.org/
    • http://www.naturallight.org/

     

     

  • 1 PS, 10 Wochen, 1000 Kilometer

    Im Frühling 2015 hielt Steffi als Bauleiterin und Hausmutter in Personalunion auf Fougerette die Zügel in den Händen. Damals reiste sie per Traktor mit ihrem Bauwagen aus der Schweiz an. Die Nase im Wind, die Strasse vor sich – die Lust am Abenteuer liegt Steffi offenbar im Blut, denn die gelernte Schneiderin war früher bereits während mehrerer Saisons als Mitstreiterin mit dem Circolino Pipistrello unterwegs, später auch mit dem Circo Soluna in Ungarn. Nach dem Abschluss ihres Studiums in Vermittlung von Kunst und Design an der ZHDK hat sie die Zügel erneut in die Hände genommen: Allein mit einem Packpferd wanderte sie zehn Wochen lang durch Süddeutschland und die Schweiz. Ein Bericht über ein (Lebens-)Kunstprojekt.

    Ross & „Lenkerin“

    INTERVIEW

    Steffi, zehn Wochen alleine mit einem Packpferd zu Fuss unterwegs, das klingt schon ziemlich verrückt… Genau so eine Prise Wahnwitz steckt ja auch in unserem Schlossprojekt, deshalb lieben wir so inspirierende Taten : ) Was hat dich zu diesem Projekt motiviert?

    Es war ein lang gehegter Traum. Ich wollte wissen, wie es ist, mit einem Pferd unterwegs zu sein, einem Pferd nah sein zu müssen. Auch bin ich gerne draussen. So mitten in der Stadt wohnend ist es schwierig, sich Raum und Grund fürs Draussensein zu schaffen. Mit diesem Wanderprojekt hatte ich beides. Unterwegs sein bedeutet für mich etwas zu wagen und zu erleben, es ist der Schritt dazu, den Zufall und das Glück herausfordern.

    Grossartiges Panorama

    Du sprichst von Glück und Zufall. Wie würdest Du Deine Reise rückblickend beschreiben?

    Manchmal unglaublich schön, manchmal furchtbar und schlussendlich einfach grossartig.

    Welche Hürden musstest Du überwinden, um deinen Traum wahr zu machen?

    Die erste Herausforderung war, überhaupt ein Pferd zu finden, das ich auf die Reise mitnehmen durfte. Dann folgte die ganze Materialbeschaffung, angefangen beim Packsattel, dann Packtaschen und Plane nähen und überhaupt herausfinden, was es für eine solche Reise braucht. Eine grosse Hilfe war mir dabei meine Projektmentorin Mirjam Spring, die mich mit der richtigen Literatur, mit Material und vielen hilfreichen Tipps eindeckte.

    Kanntest Du Dich schon mit Pferden aus – und wo hast Du überhaupt eins gefunden?

    Meine Pferdeerfahrung beschränkte sich auf den klassischen Reitunterricht als Teenie und gelegentliches Reiten oder Spazieren mit Pferden bei Freunden. Ich muss gestehen, ich habe mir oft ein geübteres Auge für die Befindlichkeit und die Körpersprache des Pferdes gewünscht. (grinst)

    Als ich merkte, dass Mund-zu-Mund-Propaganda nichts half, machte ich ein Inserat auf tierinserate.ch und prompt meldete sich zu meinem grossen Glück Agathe Reithaar vom Dachsberg im Schwarzwald. Ihre ganze Familie betreibt dort einen Hof, sie geben Reitunterricht, bieten Ausritte an, reiten Pferde ein und züchten Connemara-Ponies.

    Rosie

    Agatha hat mir als Pferd sofort Rosie vorgeschlagen. Die Idee war, dass dieses Pferd durch das intensive Laufen Muskeln aufbaut, mit dem Gewicht auf dem Rücken umzugehen lernt und sich daran gewöhnt, alleine mit einem Menschen unterwegs zu sein. Auch der zuverlässige, freundlich Charakter der Connemaras sprach dafür, dass Rosie eine gute Begleiterin sein würde.

    Hat sich diese Einschätzung von Rosies Charakter bestätigt?

    Absolut! Sie war eine treue Begleiterin, kam überall mit und wenn es darauf ankam, behielt sie stets die Nerven. Gestaunt habe ich beim versehentlichen Gang über eine Hängebrücke in Thusis, die ich – ganz in Gedanken versunken – gar nicht richtig wahrgenommen hatte. Bis es dann zu spät war, denn wenden konnte ich das Pferd auf der schmalen Brücke nicht mehr… Ohne mich zu überrennen oder in Panik zu geraten hat Rosie es über die immer stärker schwingende Brücke geschafft. Ich war danach total erledigt, Rosie natürlich die Ruhe selbst.

    Gut, in den Punkten Hufe auskratzen und Sich-Striegeln-Lassen sind wir uns nie ganz einig geworden und das hat mich tatsächlich wiederholt auf die Palme getrieben. Eben in genau dieser Sache hätte ich mir mehr Pferdeerfahrung in Pferdeerziehung gewünscht.

    Es geht los! Abreise vom Dachsberg…

    Das klingt abenteuerlich! Wie lange warst Du letztlich unterwegs?

    Los ging’s Ende Juli 2016 im Schwarzwald und genau 10 Wochen später bin ich wieder auf dem Dachsberg angekommen. Für die letzten Vorbereitungen und die ersten Wanderungen verbrachte ich vorgängig noch 10 Tage bei Rosie auf dem Hof.

    Wie war Dein Tagesablauf auf der Reise?

    Da war täglich der Versuch, richtig früh aufzustehen, so um 6 Uhr… Es wurde dann aber meistens doch 8 Uhr. Vom Aufstehen bis zum Loslaufen brauchte ich rund 3 Stunden. Nur selten schaffte ich es schneller geschafft und es ist mir bis jetzt noch ein Rätsel, warum das nie möglich war. Aber es gab halt immer noch etwas zu richten, flicken oder schwatzen. Nach dem Aufbruch war ich jeweils 2 bis 3 Stunden unterwegs, dann Mittagspause mit Abladen und anschliessend nochmals ein Stück laufen und Nachtplatz suchen. An einem neuen Ort angekommen, kam dann Pferd absatteln, pflegen, füttern, Zaun einrichten, anschliessend etwas für mich kochen und zu guter letzt in den Schlafsack schlüpfen und in sekundenschnelle in den Tiefschlaf kippen. Tagebuch schreiben oder andere ernsthafte Gedanken mussten bis zum Morgengrauen warten.

    Wie haben die Menschen auf Dich und Dein Ross reagiert? Gibt es Begegnungen, die Dir besonders im Gedächtnis geblieben sind?

    Die Reaktionen der Leute haben mich regelrecht ermuntert und vorangetrieben. Die weisse Rosie muss ein so schönes Bild abgegeben haben. Die Leute waren oft sehr angetan und es kam meistens zu einem Schwatz oder ich durfte dadurch auf den Höfen übernachten. Rosie öffnete mir die Tür zu vielen schönen Begegnungen und Gesprächen. Oft haben sie gestaunt, dass ich alleine unterwegs bin. Es ist schwierig zu sagen, welche Begegnung mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, weil kaum denke ich an die eine, kommt mir die andere in den Sinn und ich denke dann, die war aber auch schön.

    Aber um zwei zu erwähnen: Das eine war die Vorbereitungszeit auf dem Dachsberg bei der Familie Reithaar-Appenzeller, das war richtig toll. Und das andere, da war ich in der Linth-Ebene unterwegs. Wir waren beide schon beim Loslaufen müde. Ich zog Rosie schon fast hinter mir her und dachte: „Heute besser nicht so weit“. Es kam natürlich ganz anders! Als ich die Ebene bereits passiert hatte und oben irgendwo über Altendorf am Berg war, suchte ich während zwei Stunden vergeblich nach einer Bleibe. Rosie hätte längst eine Pause verdient und ich fühlte mich unerträglich ratlos. Irgendwann meinte der eine Wirt, ich soll es oben im Stollen versuchen, dort gehe es bestimmt. Das bedeutete nochmals 1 km den Berg hochlaufen, ohne zu wissen, ob es wirklich klappen würde… Zuerst zögerte ich, aber kaum machte ich mich mit vielen unnötigen antreibenden Zurufen an Rosie auf den Weg, da hielt ein Auto mit dem rettenden Engel darin. Ich fragte, ob er vom Stollen sei und es möglich wäre, bei ihm zu übernachten. Er überlegte und meinte, ja das gehe irgendwie und brauste schon mal voraus. Also stakste ich lärmend hinterher. Oben angekommen, wurde ich herzhaft empfangen und es wartete auf mich alles, was das Wanderherz begehrte: Stall und Weide fürs Pferd und für mich ein warmes Zimmer, zudem durfte ich einen Pausentag einlegen, Wäsche waschen und – oh Wohltat! – duschen.

    Stichwort Hygiene, wie bist Du damit umgegangen? Zwischendurch hast Du ja auch ganz allein unter freiem Himmel übernachtet…

    Schlafen unter freiem Himmel

    Ja, unter freiem Himmel war es besonders schön. Die Nähe zum Pferd… mitten in der Nacht konnte ich „Rosie“ murmeln und sie antwortete grummelnd. Es war auch der Moment, um in Ruhe zu kochen und den Geschehnissen der letzten Tagen nachzuhängen. Erstaunlicherweise habe ich mich draussen immer aufgehoben gefühlt, sogar im Graubünden zur Jagdzeit. Wäre Rosie braun gewesen, hätte ich es wohl vermieden. Aber ich dachte: „So blöd wird nicht mal der besoffenste Jäger sein, auf ein schneeweisses Tier zu schiessen“.

    Was die Hygiene betrifft: Zwischendurch eine schöne Dusche zu bekommen, die Gelegenheit gab es immer wieder und es ist auch nicht so tragisch, ein paar Tage vor sich hin zu stinken. (lacht) Solange man sich im Wald aufhält oder an einem vorbeikommt, lässt sich meistens auch ein stilles Örtchen finden. Ich habe allerdings darauf geachtet keine Spuren zu hinterlassen und das hiess jeweils: Loch graben, Geschäft rein, danach zudecken, das gebrauchte WC-Papier mitnehmen und verbrennen oder in den nächsten Abfall schmeissen.

    Schöne Architektur – bloss: Wo kann ich aufs Klo?!

    Allerdings hat mich das Thema WC doch ein paar Mal in unangenehme Situationen gebracht. Was macht man am heiterhellen Tag mitten in der Agglomeration, wenn weit und breit kein Wald in Sicht ist und man urplötzlich und ganz dringend man aufs Klo muss? Sich einfach am Strassenrand zu erleichtern ist hierzulande ja doch nicht gerade üblich. Also führte mich die Not aufs nächste Haus zu, etwas widerwillig wurde mir der Gang aufs WC gewährt. Für die nötige Sympathie sorgte Rosie, die in meiner Abwesenheit fleissig mit Zucker gefüttert wurde. Als ich zurück kam schaute ich die Frau erstaunt an und fragte ungläubig: „Was, Sie füttern dem Pferd Zucker?“ Sie strahlt mich an und meinte: „ Ach, das macht nichts, das haben wir früher immer so gemacht.“

    Es kam natürlich auch mal vor, dass ich, Rosie am Führstrick haltend, ein „Seeli“ am Wegrand hinterliess, weil es keine andere, vernünftige Möglichkeit gab. Einmal auf einer Waldwiese habe ich dabei den Führstrick losgelassen und sogar über den Packsattel gelegt. Ich ging davon aus, dass sich Rosie wie sonst auch aufs Gras stürzen und fressen würde. Weit gefehlt! Genau dieses eine Mal verstand sie das als Einladung, sich zügig davon zu machen und im Gebüsch zu verschwinden. Ich riss meine Hosen wieder hoch und stolperte ihr panisch schreiend hinterher. Auf dem Weg lagen alle paar Meter zerstreute Gepäckstücke – Feldflasche, der Gaskocher und anderes Zeugs – und zuletzt an der Kreuzung lag eine der beiden Seitentaschen abgerissen. Weiter vorne erblickte ich dann Gott sei Dank Rosie – der Sattel war bereits auf die Seite gerutscht, die andere Seitentasche hing zwischen ihren Beinen. Ich rannte zu ihr, konnte sie einholen und das ganze Desaster provisorisch wieder herrichten. Erst eine Stunde später besinnte ich mich meiner Notdurft und erledigte diese, Rosie haltend am Wegrand.

    Wald-Idylle

    Du hast pro Tag zwischen 8 bis 25 Kilometer zurückgelegt. Wie fühlt sich die Welt aus dieser Langsamkeit heraus an?

    Ich weiss nicht, ob die Langsamkeit entscheidend ist. Eher ist es die Reduktion auf eine einzige Idee, der man nachgeht. Es ist die Schwebe zwischen Plan und Zufall. Damit meine ich, es zu nehmen, wie’s kommt, angewiesen zu sein auf die Grosszügigkeit und Offenheit der Leute und doch den Schwung und die Richtung beibehalten. Man übergibt sich der Gesellschaft und der Natur. Es ist ein intensives Erleben, die Hochs und die Tiefs liegen manchmal unerträglich nah beieinander. Ich entwickelte eine unendliche Dankbarkeit für jede Freundlichkeit und alles was einfach funktionierte.

    Welche Schwierigkeiten gab es denn unterwegs? Und hast Du diese erwartet oder waren es letztlich ganz andere Probleme, die Dich beschäftigten?

    Schwierig fand ich es, überhaupt mit den Vorbereitungen zu starten. Vorab fragte ich mich, was denn eigentlich der nächste Schritt sein müsste. Als es soweit war und ich feststellen musste, dass nichts mehr fehlte und ich Abmarsch bereit war, war ich regelrecht überrascht.

    Gesellschaft für Rosie

    Befürchtet habe ich vor allem, dass Rosie es nicht packen könnte, allein mit mir unterwegs zu sein. Pferde sind ja Herdentiere und nicht gern allein. Ich machte mir Sorgen, dass sie nachts keine Ruhe finden und aus dem Zaun ausbrechen könnte. Ich stellte mich auf Koliken, Fehltritte, verlorene Hufeisen usw. ein. Nichts von dem geschah, im Gegenteil! Auf Rosie war totaler Verlass. Schwieriger waren eher die äusseren Einflüsse, der Zoll, das Militär, die tausend Sachen, die ich verlor, steile bergige Aufstiege und bei der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten, dass die Entscheidungsberechtigten über Land und Hof noch nicht zu Hause waren.

    Hast Du unterwegs auch mal ans Aufgeben gedacht?

    Oh ja, immer wieder! Und doch wäre es nicht in Frage gekommen. Die anfängliche kaum lösbare Packerei und die vielen Dinge die laufend auszubessern waren, dazu ein zappelndes Pferd, das sich nicht putzen lassen wollt, das war zum Verzweifeln. Später waren es Rückenschmerzen, die mich stets begleiteten. Aber solange es der Rosie gut ging und das Glück an meiner Seite war, wollte ich diesen lang gewünschten und geplanten Ausnahmezustand nicht aufheben. Im Grunde ist aufhören schwieriger als weitermachen.

    Du hast auf Deiner Reise sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne neue Horizonte entdeckt. Welche Tipps würdest Du Möchtegern-Nachahmer/-innen geben?

    Die Reise hat mir viel Zuversicht gegeben und den Mut, einige Dinge zu verändern. Mein geographischer Horizont hat sich vor allem zum Schwarzwald hin erweitert. Schön sind da die ruhigen Wege ohne die unangenehmen Überraschungen wie ich sie von der Schweiz her kenne. Durch die fehlenden Bergspitzen als Orientierungspunkte und die längeren Strecken im Wald verliert man allerdings schnell die Orientierung, kann sich leicht verschätzen und dann landet man plötzlich viel nördlicher als geplant.

    Volki hat mit angepackt

    Tipps für Nachahmer? Entscheidend ist eine gute Vorbereitung. Das Material muss stimmen. Der Hufbeschlag muss gut sein, Zollangelegenheiten würde ich vermeiden und je mehr Kenntnisse übers Pferd, desto besser. Ideal ist auch eine Mischung zwischen einem Plan haben und flexiblem Handeln in der Situation. Sehr gut ist auch, sich Fehler nicht übel zu nehmen, sondern einfach das Beste daraus machen. Der Fotoapparat, welcher auf der Strecke liegengeblieben ist, bescherte Rosie, Volki und mir beispielsweise eine schöne und entspannte Wildübernachtung.

    Werfen wir zum Schluss einen Blick in die Kristallkugel: Welches Projekt oder welche Reise steht denn als nächstes an? 

    Es wäre schön, nochmals eine Tour mit Pferden zu machen. Nächstes Mal nicht alleine, es muss auch nicht ganz so lang sein, wahrscheinlich eher ein Ferienprojekt. Vielleicht im Schwarzwald, vielleicht im französischen Jura oder gleich vom Schwarzwald in den Jura, oder… Ach, eine genaue Vorstellung existiert nicht. Aber, hi hi, irgendwo war ja mal noch die Idee bis ins Château de Fougerette zu pilgern…

  • Stranger Visions: Spurlos verschwunden

    gattacaNein, dieser Beitrag ist keine Filmkritik, obwohl „Stranger Visions“ als Filmtitel je nach Genre ganz vielversprechend sein könnte. Dennoch lässt sich beim Film anknüpfen, denn der 20-jährige Sci-Fi Thriller „Gattaca“  (absolut sehenswert, den Trailer gibt’s hier) nahm vieles vorweg, was heute Realität wird… Doch alles der Reihe nach, denn „Stranger Visions“ ist ja eben kein Film, es ist ein Kunstprojekt. Das Zweideutige ist dabei schon im Namen Programm, denn auf Deutsch lässt sich der Name wahlweise wie folgt übersetzten: Befremdliche Sicht,  kuriose Erscheinungen, Traumbilder von Unbekannten.

    Wenn das Unsichtbare sichtbar wird

    Die amerikanische Informationskünstlerin Heather Dewey-Hagborg hat für „Stranger Visions“ auf den Strassen New Yorks Zigarettenkippen, Haare oder Kaugummis eingesammelt. Diese zufälligen Hinterlassenschaften wurden anschliessend im Labor gentechnisch analysiert, daraus entstand jeweils ein mögliches 3D-Porträt der Person, welche die Zigarette geraucht, das Haar verloren oder den Kaugummi ausgespuckt hat.

    dewey_strangervisions
    Stranger Visions (2012-2013)

    Es geht also darum, welche physischen Spuren wir im öffentlichen Raum hinterlassen, und wie diese Spuren uns belasten könnten, wenn der Gesetzgeber es versäumt, den Rahmen für die Auswertung genetischer Daten abzustecken.

    Wir stehen am Anfang der genetische Überwachung

    Dewey-Hagborg initiierte das Projekt, als es ihr wie Schuppen von den Augen fiel, dass zwar eine nationale Diskussion über elektronische Überwachung geführt, aber diese Form der biologischen Kontrolle dabei völlig ausgeklammert wurde. Sie war zugleich verstört und besorgt wegen der sich abzeichnenden Möglichkeit, die Menschen genetisch zu überwachen.

    Tatsächlich gibt es immer mehr DNA-Datenbanken und die Technologie dahinter wird nicht nur immer ausgefeilter, sondern auch immer einfacher zugänglich. Aus staatsbürgerlicher Sicht lautet die entscheidende Frage: Wer soll Zugang zu den Testergebnissen bekommen und wer wird die Macht haben, diese gegen uns zu verwenden?

    Wer schützt die genetische Privatsphäre?tabloid-biononymousguide

    Die Praxis, das mögliche Erscheinungsbild des Täters über forensische Proben vom Tatort zu erstellen, wird “Forensic DNA Phenotyping” (FDP) oder auch “molekulares Foto-Fitting“ genannt. Könnte es so weit kommen, dass die zukünftigen Schwiegereltern beim ersten Treffen unauffällig unser Weinglas verchwinden lassen, um es genetisch analysieren zu lassen?

    Dewey-Hagborg erkennt darin nicht nur das Potential für ein weiteres Kunstprojekt, sondern auch eine Marktlücke. Unter dem Slogan „Be Invisible“ hat sie das Kunst-Unternehmen http://biogenfutur.es ins Leben gerufen. Die beiden Produkte im Angebot heissen „Erase“, ein Spray, welches 95% der genetischen Spuren entfernt, sowie „Replace“, ein Spray, welcher die restlichen 5% maskiert.

    Beide Produkte können zuhause selber hergestellt werden, die Künstlerin arbeitet Open Source und der DIY-Guid ist online verfügbar: http://biononymous.me/diy-guides/.

     

    „You wouldn’t leave your medical records on the subway for just anyone to read. It should be a choice. You should be in control of how you share your information and with whom: be it your email, your phone calls, your SMS messages, and certainly your genes. Invisible is protection against new forms of biological surveillance.“

    Heather Dewey-Hagborg, BioGenFutures Founder

     

    Der Kurzfilm zum Projekt „Stranger Visions“:

    https://player.vimeo.com/video/121401212