Kategorie: Umwelt

  • Die Wahrheit über die Halbwertzeit

    Zugegeben, ein etwas reisserischer Titel ; -) Schliesslich ist der ursprünglich aus der Radiochemie stammende Begriff „Halbwertzeit“ heute ja vor allem in Zusammenhang mit radioaktivem Sondermüll geläufig. In der Pharmakologie steht die Halbwertzeit allerdings nach wie vor für die Wirkungsdauer eines bestimmten Wirkstoffes d.h. sie gibt diejenige Zeitspanne an, in welcher die Konzentration eines Arzneimittels im Organismus resp. im Blut auf ihren halben Wert (50%) absinkt, s Quelle).

    In diesem Post geht es im Grunde lediglich um oft achtlos entsorgte, lästige „Kleinigkeiten“ wie Zigarettenstummel, Kaugummis oder Plastikfolie. Und darum, wie viel Bauchschmerzen und Verdauungsprobleme diese Mutter Natur bereiten… Einmal mehr bewahrheitet sich dabei, dass bereits wenig grosse Wirkung haben kann. Spannendes Thema, Abfallmanagement! Aber jetzt schau‘ selbst, wie lange es dauert, bis gewisse Abfälle abgebaut sind* :

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    * Die angegebenen Zeitspannen sind keine Halbwertzeiten sondern zeigen auf, wie lange es dauert, bis die Natur diese Abfälle (so vollständig wie eben möglich) abgebaut hat.

    Was murmelte die kleine Maus zufrieden vor sich hin, als sie in den Ozean pinkelte?
    „Immerhin söfeli…!“

  • Wenn die Chemie stimmt

    Die meisten von uns schimpfen auf „Chemie“. Ein gutes Image hat der ehemalige Hoffnungsträger schon lange nicht mehr, obwohl noch Anfang der 1950er Jahre frischfröhlich eine radioaktive Zahnpasta verkauft wurde… Damals schien mithilfe chemisch hergestellter Wundermittel alles möglich, im Rückblick wirkt diese blinde Zuversicht sträflich naiv.

    Chemie ist omnipräsent

    Doch… was genau ist Chemie? Und gibt es vielleicht auch „gute“ Chemie? Wer mutig genug ist, sich kurz in die Schulzeit rückversetzen zu lassen, darf gerne weiter lesen:

    Als Wissenschaft, die sich mit dem Aufbau, den Eigenschaften und der Umwandlung von Stoffen beschäftigt, bildet/erklärt Chemie das Grundgerüst unseres Planeten und allen Lebens darauf. Dein Sonnenbrand beruht insofern genauso auf Chemie wie der aufgegangene Hefeteig für den Sonntagszopf, das selbst hergestellte Bio-Waschmittel oder die bewährten Haushaltsreiniger, die unsere Grossmütter noch kannten.

    „Chemie“ wird heutzutage allerdings oft synonym für die chemische Industrie verwendet. Diese ist nach zahlreichen Skandalen und Katastrophen (Schweizerhalle und Bhopal, um nur zwei prominente Beispiele zu nennen) zu Recht in Verruf geraten. Gemäss Wikipedia zählt die chemische Industrie allerdings zu den wichtigsten Industriezweigen. Sie stellt Stoffe her, deren Eigenschaften von modernen Menschen zur Herstellung von Alltagsgegenständen (z. B. Grundchemikalien, Kunststoffe, Lacke), Lebensmitteln (z.B. Düngemittel und Pestizide) oder zur Verbesserung der Gesundheit (z.B. Pharmazeutika) benötigt werden.

    Moment mal – benötigt? Stimmt das wirklich? Geht es nicht auch anders? Gibt es da nicht kleine, aber feine Unterschiede?

     

    Die 12 Grundsätze grüner Chemie

    Close-up of small plants in test tubesDer Amerikaner John D. Warner gilt als einer der Mitbegründer der sogenannten grünen Chemie. Er und sein Kollege Paul T. Anastas entwickelten 1998 folgende zwolf Grundsätze, die seither für diesen erblühenden Wissenschaftszweig richtungsweisend sind:

    1. Vermeiden: Abfälle vermeiden ist besser als diese zu entsorgen oder reinigen, nachdem sie entstanden sind. Ein selbsterklärender Grundsatz, oder? Tatsächlich lebt aber derzeit eine ganze Industrie davon, Abfälle zu entsorgen; oft muss Giftmüll zudem langfristig überwacht werden. Klingelt da was? Ah ja, die Kasse…
    2. Atom-Ökonomie (sic!): Bei der Herstellung sollte ein Maximum aller verwendeten Rohstoffe im Endprodukt enthalten sein. Bei einem Prozess mit 50% Atom-Ökonomie wird die Hälfte aller verwendeten Rohstoffe zu Abfall.
    3. Ungefährlichere Synthese: In den Prozessen sollten nur ungiftige bzw. leicht toxische Rohstoffe verwendet werden und das Endprodukt seinerseits sollte ebenfalls ungiftig bzw. nur leicht toxisch sein. Ein wichtiger Grundsatz, der die Forscher in der Praxis jedoch oft vor riesige Herausforderung stellt
    4. Sicherere Chemikalien: Chemikalische Substanzen sollen wirken, dabei aber möglichst ungiftig sein. Wird die Toxitizät reduziert, verringert sich auch die Gefährlichkeit für Mensch und Umwelt.
    5. Sicherere Lösungsmittel: Wo immer möglich sollten Zusatzstoffe wie Lösungs- oder Trennmittel vermieden werden. Sind solche Zusätze nötig, sollten ungiftige Substanzen zum Einsatz kommen.
    6. Energie-Effizienz: Bei jeder Produktentwicklung muss die Energie-Effizienz des Herstellungsprozesses unter die Lupe genommen werden. Wo immer möglich sollten Prozesse bei Raumtemperatur und normalem Luftdruck stattfinden. Dies senkt die Kosten und verringert die Auswirkungen auf die Umwelt.
    7. Nutzung erneuerbarer Ressourcen: Wo immer möglich sollten erneuerbare Ressourcen verwendet werden. Im besten Fall sind dies Abfallprodukte aus einer anderen Reaktion.
    8. Weniger Derivative: Derivative lösen als Hilfsstoffe einen zeitlich begrenzten Effekt im Prozess aus. Der Hilfsstoff kann z.B. einen bestimmten Teil der Substanz schützen, welcher später entnommen wird, oder die Eigenschaften der Substanz kurzfristig verändern, damit eine bestimmte Reaktion stattfinden kann. Der Einsatz von Derivativen sollte wo immer möglich vermieden werden, denn diese landen nie im Endprodukt (s. Grundatz 2) und erhöhen lediglich das Abfallvolumen (Grundsatz 1).
    9. Katalyse: Katalytische Reaktanten sollten stöchimetrischen Reakanten vorgezogen werden. Ein Katalyst ermöglicht es, dass eine Reaktion weniger Energie benötigt und erhöht zudem die Reaktionsgeschwindigkeit. Die Stöchiometrie hat offenbar einige Nachteile, welche und warum genau konnte ich aber nicht genau herausfinden ; )
    10. Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei Wichtig, wichtig, wichtig: Die korrekte Entsorgung muss Teil des Entwicklungsprozesses sein, denn jedes Produkt hat einen Lebenszyklus und dieser endet irgendwann. Das hergestellte Produkt sollte nach der Nutzung in ungifitige Substanzen zerfallen, damit keine Rückstände in der Umwelt verbleiben und sich dort akkumulieren, wie das etwa mit den kleinen Plastik-Kügelchen geschieht, die in den allermeisten Kosmetika enthalten sind. Dafür setzt sich beispielsweise die Nonprofit-Organisation The Story of Stuff sehr engagiert ein, zum sehenswerten Film über diese sog. „Microbeads“ geht’s hier. Dieser Ansatz liegt auch dem Prinzip Cradle-to-Cradle (C2C, deutsch „von Wiege zu Wiege“) zugrunde: C2C ist ein biomimetischer Ansatz, um Produkte und Systeme zu entwickeln. Dabei wird die menschliche Industrie mit natürlichen Prozessen gleichgesetzt d.h. alle verwendeten Materialien werden als Nährstoffe gesehen, die in einem gesunden, sicheren Metabolismus zirkulieren.
    11. Abfallprodukten in Echtzeit vorbeugen (Real-time Pollution Prevention): Die Methoden zur  Überwachung chemischer Prozesse müssen weiter entwickelt werden. So können stattfindende Prozesse überwacht, das Entstehen gefährlicher Substanzen oder von Verunreinigungen überwacht/kontrolliert und die sichere Entsorgung begleitet werden.
    12. Unfallprävention: Die Substanz und deren Form (Flüssigkeit, Gas etc.) sollte sorgfältig gewählt werden, um Unfälle (Feuer, Explosionen oder ein ungewolltes Entweichen der Substanz) zu vermeiden.

    Quelle: Green Chemistry: Theory & Practice by Paul T. Anastas and John D. Warner. Eine deutsche Erklärung zur grünen Chemie anhand von Grafiken gibt’s hier.

     

    Nachtrag zu Cradle-to-Cradle (C2C)

    Als Konsumentin fände ich es hilfreich, wenn mit grüner Chemie hergestellte Produkte entsprechend gekennzeichnet wären. Abgesehen von Cradle to Cradle (C2C) herrscht da aber leider Ebbe, wie’s scheint. Ausserdem tut sich die Industrie schwer mit C2C, viele Unternehmer scheuen die hohen Anlaufkosten. Hinzu kommt, dass letztlich der Konsument entscheidet: Der COO einer Schweizer Firma, die auch eine C2C-Produktlinie vertreibt, nahm kein Blatt vor den Mund „Das Zeug verkauft sich nicht, ist zu teuer“.

    Kein Blatt vor den Mund nimmt auch der deutsche Chemieprofessor Michael Braungart, der das Cradle-to-Cradle-Prinzip im Rahmen eines Forschungsprojekts der ehemaligen Ciba-Geigy entwickelte. Kein Wunder ist der Mann umstritten, sagt er doch Sätze wie:

    • Stillen ist prima, das entgiftet die Mutter“ oder
    • Louis-Vuitton-Taschen sind ein klarer Fall von Sondermüll

    Braungart propagiert nicht Entsagung sondern einen Öko-Hedonismus der nicht sparen, sondern klug produzieren will. Dass es erfolgreiche Beispiele gibt hält seine Kritiker nicht davon ab, ihm vorzuwerfen, C2C tauge nur für Nischen.

    Braungart hält dagegen, dass die deutsche Wirtschaft prächtig am Export von Müllverbrennungsanlagen in alle Welt verdient. Und entkräftet auch den Vorwurf, dass C2C nur bei relativ einfach gestrickten Produkten machbar sei: Der dänische Schifffahrts- Öl- und Gasmulti Maersk etwa baute 2013 das damals grösste Containerschiff der Welt, die Magleby Maersk, weitgehend nach Braungarts Lehre: 398 Meter lang, 59 Meter breit und 73 Meter hoch. Schlicht, weil es sinnvoll war.

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    Die Magleby Maersk, ein schwimmendes Rohstofflager…

    Ein Schiff besteht zu 98 Prozent aus Stahl verschiedener Qualitäten. Dieser wird mit anderen Stoffen fest verbunden, beim Abwracken werden die Stahlarten mit allen Kabeln und Plastikteilen recycelt, übrig bleibt eine Produkt von minderwertiger Qualität. Beim Schiffsneubau hat Maersk die Teile nun so installiert, dass sie 1. genau katalogisiert und 2. leicht zu trennen sind. Die Abwrackwerften zahlen nämlich 10 Prozent mehr, wenn bekannt ist, wo welche Qualität verbaut wurde. In Zeiten, in denen Stahl rar wird, wird das Schiff so während seiner Lebenszeit zu einem wertvollen, schwimmenden Rohstofflager. Quelle: Der Spiegel, Heft 33/2014, Seite 58: „Eine Welt voller Überfluss“

    Das Thema bewegt Dich?

    Empfehlenswerte weiterführende Lektüre:

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    Noch bis 25.10.2015: Das Jungkunst-Containermuseum in Winterthur

    P.S.: Du fragst Dich, was diesen ganzen Vortrag über Chemie losgetreten hat? Auf der Suche nach nachhaltig produzierten Textilien fürs Kinderzimmer stolperte ich über den Beobachter-Artikel Schwindel um Bambus-Textilien, klickte mich darauf zur Homepage des Schweizer Bio-Textilherstellers Litrax durch und tauchte anschliessend tief ein in die Welt der Grünen Chemie. Und schwups, schon war ein ganzer Tag um… : )

  • Goldgräberstimmung

    Die Ackerkrume ist die oberste, durch organische Abbauprodukte dunkler gefärbte Bodenschicht eines Ackers. Das Wort klingt archaisch und ist dennoch von hoher Aktualität, denn derzeit findet ein erschreckender Ausverkauf der Landwirtschaftsflächen statt.

    Insbesondere seit der Finanzkrise 2008 haben globale Investoren den Agrar-Sektor als gewinnträchtige Alternative für sich entdeckt. Es herrscht Goldgräberstimmung, in den 15 letzten Jahren wurden weltweit über 200 Millionen Hektaren Agrarland gekauft – mehr als es in ganz Europa gibt.

    Fimplakat LandraubDie globalen Investoren mit ihren Grossplantagen zerstören gemäss dem Journalisten und Filmemacher Kurt Langbein die sozialen und ökologischen Strukturen. Was stimmt, ist einzig der Profit: „Oh, es ist sehr attraktiv! Die Erträge sind hoch, nach sieben Jahren sind die Investition zurückbezahlt und die nächsten 20 Jahre gehen Sie jedes Mal mit einem Lächeln zur Bank“, so Suriya Moorthy, Berater für Agrarinvestments.

    Ein üble Überraschung ist die Tatsache, dass dazu offenbar europäische Fördergelder und Entwicklungshilfe-Gelder verwendet werden. In Kambodscha entstand so eine Zuckerfabrik, vor deren Bau rund 1000 Kleinbauern und deren Familien unrechtmässig enteignet wurden; ihnen fehlt seither jegliche Lebensgrundlage. Die Folge solch rabiater Vorgehensweisen könnten künftig ganze Völkerwanderungen sein, die das Ausmass der derzeitigen Flüchtlingskrise bei Weitem sprengen würden.

    Langbeins Film kommt zum Schluss, dass es Zeit für ein radikales Umdenken ist. Dass Millionen Kleinbauern besser und nachhaltiger wirtschaften als Agrarkonzerne. Und dass Nahrungsmittelsicherheit nur dann gewährleistet ist, wenn wir auf lokale Versorgung statt globaler Investition setzten.

    Es liegt auch an uns!

    Die globalen Investoren sind drauf und dran, das ganze Ökosystem in Grund und Boden zu reiten – im wahrsten Sinne des Wortes. Deshalb kann man sich ein hämisches Händereiben kaum verkneifen, wenn Glencore an der Börse 30% Einbusse hinnehmen muss – leider nur eine Momentaufnahme, denn am Ende triumphiert meist eben doch das Geld. Deshalb:

    • Schau genau hin, wo und vor allem was Du einkaufst.
    • Engagiere Dich z.B. bei der Stiftung Biovision

    ARD-Beitrag „Die Folgen des modernen Kolonialismus“ mit Filmausschnitten:

    Screenshot ARD - Die Folgen des modernen Kolonialismus

    „Landraub“, ein Film von Kurt Langbein, startet am 8. Oktober in deutschen Kinos, ob der Film auch in der Schweiz gezeigt wird, ist unklar. Die Website des Films: http://www.landraub.com/

     

    Biovision – ein bemerkenswertes Projekt

    Kleinbauern in Äthiopien konnten offenbar mit entsprechender Beratung ihren Ertrag verdreifachen. Genau dafür engagiert sich auch Biovision. Die vom Schweizer Dr. Hans Rudolf Herren ins Leben gerufene Stiftung setzt sich in Afrika seit Jahrzehnten für eine nachhaltige Landwirtschaft ein. Herren geniesst als weltweit führender Experte für biologische Schädlingsbekämpfung und Träger des Alternativen Nobelpreises einen hervorragenden Ruf; 2014 wurde er in der Kategorie „Gesellschaft“ zum Schweizer des Jahres gekürt.

    Screenshot Web Biovision

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    Exkurs: Sind Mikro-Kredite eine Lösung?

    Wie kann den Kleinbauern der Rücken gestärkt werden? Der Friedensnobelpreisträger und Gründer der Grameen Bank fort the Poor, Muhammad Yunus, beschritt in den 1980-er Jahren mit seinem Modell für Mikrokredite und Mikrofinanzierungen einen ganz neuen Weg, galt lange Jahre als „Retter der Armen“.

    Eine kritische Analyse des Wirtschaftsprofessors und Journalisten Milford Bateman im Artikel „The Rise and Fall of Muhammad Yunus and The Microcredit Model“ zeigt jedoch eine ernüchternde Bilanz: Die allermeisten Kreditnehmer schaffen es nicht, aus der Armut auszusteigen und verstricken sich im Gegenteil immer stärker in Schulden. Dies wird von einigen Mikrofinanz-Investoren ganz gezielt ausgenutzt, denn am Ende dieser Abwärts-Spirale ist das Land der betreffenden Familie fast gratis zu haben. Dieses Vorgehen ist auch als sogenanntes „debt farming“ bekannt.

    Ab 2010 stützen eine Flut von unabhängigen Untersuchungen die Erkenntnis, dass Mikrokredite anders als zuvor angenommen für die Ärmsten sogar eindeutig negative Auswirkung haben. Eine tragische Wende für ein Projekt, das ursprünglich genau wie das wunderbare Barefoot College antrat, um Frauen und ihren Familien einen Weg aus der Armut zu ermöglichen.

    Nachfrage keine Frage des Angebots

    Warum Yunus‘ Ansatz versagt? Gemäss Bateman fiel Yunus schon ganz zu Beginn dem fatalen Trugschluss zum Opfer, dass „Angebot eine entsprechende Nachfrage generiert“. Tatsächlich, so argumentiert Bateman, war es aber schon immer vergleichsweise einfach, ein simples Produkt oder eine simple Dienstleistung anzubieten. Nur halb so einfach ist es hingegen, jemanden zu finden, der das Produkt oder die Dienstleistung kaufen bzw. in Anspruch nimmt – und genau dies wird immer schwieriger.

    Entscheidend sind formelle Einkommensquellen

    Kurzum: Ein Mikrokredit alleine hilft gar nichts, wenn nicht entsprechende Kaufkraft d.h. Käufer vorhanden sind. Viele der Mikrokreditnehmer aber leben in ärmlichen Gegenden, ihre Nachbarn sind genauso mittellos wie sie selber und verfügen ebenfalls nur informelle Einkommensquellen…

    Dieses Dilemma ist gemäss Bateman eng verwandt mit einem weiteren globalen Problem: Den Hungersnöten. Der Wirtschaftsprofessor und Nobelpreisträger Amartya Sen konnte bereits 1981 aufzeigen, dass Hungerskatastrophen deshalb entstehen, weil die Kaufkraft der Ärmsten schlicht und ergreifend nicht ausreicht, um die sehr wohl verfügbaren Lebensmittel zu kaufen. Einmal mehr ist dies Ergebnis fehlender formeller Einkommensquellen (bezahlte Arbeit, Sozialversicherung oder auch soziale Wohlfahrt). So erweist sich auch die Annahme, dass Hungerskatastrophen die Folge von zu wenig Lebensmitteln sind, und dass eine bessere Verfügbarkeit von Lebensmitteln die Not lindern wird, als Trugschluss.

    Quelle: The Rise and Fall of Muhammad Yunus and The Microcredit Model, Milford Bateman, in „International Development Studies“, Ausgabe 001/2014.